"07.52" von Franca Wivel, 15 Jahre.

07.52
Grand Central Station. 07.52. Er saß an einer der Säulen, die mit weißen Fliesen gepflastert
sind. Dort saß er immer. Sein Bart war lang und verfilzt. Er hielt einen alten Kaffeebecher in
der Hand. Die nette Dame vom Kiosk hatte ihm zwei Dollar gegeben als sie heute um sechs
an ihm vorbei lief um eine rauchen zu gehen. Das tat sie fast jeden morgen. “Morgen
Charlie”, sagte sie dann. “Kauf dir was zu essen” Und jeden morgen nickte er ohne etwas zu
sagen.
Er hustete. Jemand beugte sich zu ihm und reichte ihm eine Flasche Wasser. “Hier. Gegen
den husten”, sagte die Frau. Ihre Haut var hellbraun und sie hatte große schwarze Augen. Sie
lächelte ihn an als er die Flasche entgegen nahm. Dann stand sie wieder auf. Der erste Zug
nach Brooklyn an diesem morgen fuhr auf dem Gleis ein. Die Menschen drängten sich aus
dem Zug raus. Unter ihnen eine Mutter mit ihrem Sohn. Er ging dort in der Nähe zur Schule.
Er schaute ihnen zu, wie die Mutter, Kim, sich runter beugte und dem Jungen die Jacke
zuknöpfte. “Mommy…”, sagte er und flüsterte ihr etwas zu, dass er nicht hören konnte. “Javi
wir haben keine Zeit” Die Mutter schaute an ihrem Sohn vorbei und guckte Charlie direkt an.
“Aber er sieht hungrig aus”, bettelte der kleine Junge. “Na schön, aber beeil dich” Der Junge
nickte und lief zu ihm rüber. Er legte ihm vorsichtig 10 Dollar in den Kaffeebecher. “Hier”,
sagte er. “Von mir und Mommy” Der Junge drehte sich um doch bevor er in der Masse
verschwand blickte er zurück und rief: “Schönen Tag noch” Dann waren sie weg.

08.34
Einige Meter von ihm entfernt stand der Musikant, der jeden Tag um 08.30 Uhr zur Station
kam, und spielte auf seiner Gitarre Perfect von Ed Sheeran. Charlie hörte ihm aufmerksam
zu, als er die Züge beim Rein- und Rausfahren beobachtete. Das Lied war nun zu ende und
der Musikant, dessen Name Scott war, packte seine Sachen ein und setzte sich neben Charlie
nur um sie dann wieder auszupacken. “Hast du ein Lied, das ich spielen soll?”, fragte er und
zupfte an den Gitarrensaiten. Charlie sagte nichts. Das tat er nie. “Na schön”, murmelte Scott
und fing wieder an zu spielen. Als er bei der zweiten Strophe von Just Give Me A Reason ,
ankam wurde er von Charlie unterbrochen: “ The Night We Met ”, sagte er kaum hörbar. Scott
drehte sich zu ihm um. “Was?” “ The Night We Met . Spiel es” Das war das erste mal, dass
Charlie etwas zu Scott gesagt hatte. “Aber Charles. Das ist doch kein Lied für jetzt. Ich meine
die werden uns nicht hören können. Findest du nicht wir sollten lieber was anderes spielen?”,
rief er über den Lärm, des einfahrenden Zuges. “Spiel es”, zischte Charlie. “Na schön. Wenn
es dir so wichtig ist” Dann begann er zu spielen. Charlie schloß die Augen und lehnte sich
wieder an die Säule. Erinnerungen spielten sich vor seinem inneren Auge ab. Als das Lied zu
ende war wandte Scott sich Charlie zu. “Okay, was jetzt” Doch Charlie hatte sich wieder den
Zügen zugewannt.

13.17
Scott war zu McDonalds gegangen um sich etwas zu kaufen und nun saß Charlie wieder
alleine an der Säule. Er würde es nie zugeben, doch er mochte es wenn Scott da war. Dann
fühlte er sich nicht so einsam. Charlie hustete wieder und nahm einen Schluck aus der
Wasserflasche, die die Frau ihm gegeben hatte. Scott kam zurück und hatte zwei Tüten in der
Hand. “Hier”, sagte er und warf es ihm zu als er nur noch einen Meter entfernt war. “Du
schuldest mir 5 Dollar” Scott setzte sich und Charlie reichte ihm das Geld für den
Cheeseburger und die Pommes. “So Charlie, Charles, Charl… warum bist du hier. Was ist dir
passiert. Drogen? Kein Geld? Schlechte Noten und deswegen keine Ausbildung? Zu
hässlich?”, fragte Scott doch er hatte einen scherzenden Unterton in der Stimme. Charlie
sagte nichts. Er saß nur da und aß seinen Burger. “Schon klar. Du redest nicht viel”

16.34
Es war nun schon Nachmittags. Inzwischen hatte Scott das ganze neue Album von Ed
Sheeran durchgesungen und sag nun etwas von einem Sänger den Charlie nicht kannte. Er
drehte sich zur anderen Seite und beobachtete die Züge dort. In einer Minute, um Punkt 16:35
Uhr würde der Zug aus Brooklyn einfahren. Montags fährt er nicht länger als das. Wenn man
weiter muss, nimmt man entweder einen anderen Zug oder wartet auf den Nächsten. Zisch ,
machte es als der Zug stehen blieb. Die Menschen drängelten sich raus. Charlie beobachtete
die, die am Gleis stehen blieben. Der alte Mann, der jeden Tag (auch Sonntags) um 16:35
Uhr hier ausstieg und dann mit Zug A nach Downtown fuhr. Das Mädchen, mit den schwarz
gefärbten Haaren, das es immer schaffte zwei Zigaretten zu rauchen bevor sie in den Zug
einstieg. Und die Frau, die Charlie das Wasser gegeben hatte. Sie stand nur einige Meter von
ihm entfernt. Sie war noch nicht lange hier. Sie trug einen weißen Hut. Ihre anderen
Klamotten hatten dieselbe Farbe. Doch der Hut war so besonders, das er sofort auffiel. Er war
nicht besonders groß weder war er mit irgendetwas verziehet. Doch er stand ihr so gut, dass
man ihn einfach bemerkte. Die Frau schaute unruhig auf ihre Uhr. Dann auf die Anzeigetafel.
Verspätet. Ihr Handy klingelte. “Hallo… Kerry, wer den sonst… Dad du hast mich
angerufen… nein ich bin noch nicht da, was ist das denn für eine Frage?... Am Bahnsteig…
Ich kann ja schlecht schneller warten… nein ich weiß nicht wann der Zug kommt… hab ich
schon. Da steht Verspätung… woher soll ich das denn wissen?... Ja ich rufe dich an wenn ich
im Zug bin… Jaja… Tschüs…”

Die Frau legte auf. Sie schaute sich nervös um. Auf ihre Uhr. Auf die Anzeigetafel. Uhr.
Anzeigetafel. Uhr. Anzeigetafel. “Der Zug ist meistens um diese Zeit verspätet. So um
zwei-drei Minuten… wir warten jetzt schon länger. In genau 15 Sekunden wird der Zug
eintreffen. Ist schon mal passiert. Am 12. Da mussten wir auch so lange warten. Sie sind neu
hier. Ich sitze hier jeden Tag. Ich beobachte Züge. Jeden Tag. Deswegen weiß ich das. Sie
haben mir die Wasserflasche gegeben. Sie sind nett. Nicht viele Leute sind nett. Ich bin
Charlie…” , murmelte er sehr schnell. Doch die Frau verstand jedes Wort. “Kerry…”, sagte
sie und ging auf ihn zu. “Du bist jeden Tag hier?” Er nickte. Der Zug fuhr ein. “15 Sekunden.
Wie du gesagt hast” Sie stieg ein. Durch die offenen Türen rief sie ihm zu. “Um 16:45 Uhr.
Hier. Dann kauf ich dir was zu essen” “16:45 Uhr”, sagte er und nickte. Die Türen schlossen
sich und der Zug fuhr weg.

20.01
“So Charlie. Feierabend…” , sagte Scott und packte seine Gitarre ein. “Bist du morgen
wieder hier?” “Ich bin immer hier” Scott stand auf. “Bis morgen Charles” Dann ging er fort.
Gitarrentasche auf dem Rücken. Und Charlie war wieder alleine...